Muss Kirche digital werden? Wenn der Anspruch noch gilt, eine Kirche für Menschen in allen Lebenssituationen zu sein, dann ja.

Zunächst ein Blick ins analoge Leben: Für unsere Hochzeit brauchten wir eine Dimissoriale. Ein Begriff, den ich Mitgliedern niemals zumuten würde. Das fertige Formular musste ich selbst abholen, meine Gemeinde habe kein Geld, es mir per Post zuzuschicken, sagte die Sekretärin. Seit ich berufstätig bin, zahle ich Kirchensteuer – aber eine Briefmarke für mich ist nicht drin? Dann müssen solche Formulare eben sicher per Mail verschickt werden.

Natürlich geht es bei #DigitaleKirche nicht in erster Linie um Büroelektronik, aber auch darum, welchen Service Mitglieder erwarten dürfen.

Ich gestehe: Bisher habe ich mich mit den theologischen und ethischen Verästelungen von #DigitaleKirche nicht im Detail beschäftigt, mein Schreibtisch steht erst seit einigen Wochen bei der Landeskirche. Für mich ist logisch: Eine Kirche die mit dem Buchdruck entstanden ist, wird auch die neueren Kommunikationstechniken nutzen. Derzeit habe ich allerdings den Eindruck, dass das Thema in den evangelischen Kirchen so grundsätzlich diskutiert wird, als müsse man heute für die #DigitaleKirche das einzige und immerwährende Konzept finden. Das wird scheitern. Mitglieder (oder eben Nicht-Mitglieder) lassen sich nicht in feste digitale Denkmuster sortieren. Das funktioniert ja heute auch bei den analogen Angeboten nur noch selten.

Ein Teil von #DigitaleKirche ändert in meiner Vorstellung das, was mir bei vielen Sonntagsgottesdiensten auf die Nerven geht. Ich konzentriere mich gerne auf die Liturgie und die Lieder, aber das Schweigen und Stillsitzen bei der Predigt fällt mir immer schwerer. Zu oft würde ich gerne einwerfen: „Wie meinen Sie das?“ oder ganz fies: „Warum?“ Da hätte ich gerne Antworten. Was geht da auf digitalem Wege?

Anderes Beispiel: Mann, Mitte 40, verheiratet, keine Kinder. Seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, habe ich nicht mehr Anschluss an eine Ortsgemeinde gefunden. Auf gut Glück Gemeindekreise abzuklappern, ist nicht mein Ding. Für mich schreit das nach einem digitalen Angebot, aus dem vielleicht irgendwann auch reale Kontakte werden. Außerdem: Die evangelischen Kirchen sind doch meisterhaft darin, Arbeitsfelder, Unterarbeitsfelder und Unterunterarbeitsfelder zu gründen. Gerade wer so spezialisiert denkt, muss doch versuchen, möglichst viele Menschen dieser kleinen Gruppen zu erreichen. Geht das leichter als digital?

Noch ein praktischer Punkt: Es wird künftig mehr Orte ohne Pastorin und Pastor geben. Auch heute werden seelsorgerliche Gespräche am Telefon geführt, aber gibt es eigentlich schon Überlegungen, das um Kameras zu erweitern? Und sind beispielsweise kirchliche Lebensberatungsstellen mit der nötigen Technik für „Tele-Beratung“ ausgerüstet?

Zum Schluss: Ob die Kirche will oder nicht, nahezu alle Menschen bewegen sich in digitalen Welten. Gerade dann, wenn wir den Eindruck haben, dass es in der digitalen Welt zum Beispiel zu viel Hass und Lügen gibt, gerade dann müssen wir versuchen, etwas dagegen zu setzen.

Wir brauchen Angebote, die auffallen und die für Menschen von Bedeutung sind. Wie die genau aussehen? In diesem Fall schlägt Ausprobieren die Theorie.

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