Wenn man sich aktuell im Unterhaltungselektronikbereich umsieht, erfährt man schnell, dass virtual reality (kurz: VR) das nächste große Ding werden soll. Zumindest wenn es nach den Herstellerfirmen gehen soll. Neben Facebooks Oculus gibt es die Vive für den Rechner, die PS-VR für die Playstation, aber auch mit dem Smartphone kompatible VR-Brillen.

Zunächst entsteht in der Auseinandersetzung schnell der Eindruck, VR sei ausschließlich für den Videospiele- und Entertainmentbereich interessant. Doch auch Projekte der Vereinten Nation und vom Goethe-Institut sowie das ZDF und der WDR sind hier mit VR-Filmen oder interaktiven Geschichten vertreten.
So gibt es neben VR-Experiences in einem Flüchtlingslager an der syrischen Grenze auch ein interaktives Nacherleben von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ oder den mitreißenden Film „Inside Ausschwitz“, in dem Zeitzeugen mit einem durch das heutige Ausschwitz gehen und berichten.

Die Videotechnik kann dabei computergenerierte Elemente fast nahtlos in Film einbinden. Hierdurch und durch die Rundumsicht wird das Erleben einer Geschichte in VR emotional deutlich näher als es durch einen Flatscreen Fernseher möglich wäre.

Bei der Verfügbarkeit und der Handhabung hat VR allerdings momentan noch relativ hohe Hürden. Bis eine VR-Brille erstmalig mit einem Smartphone erfolgreich zum Einsatz kommt, dauert es ohne fachkundige Anleitung schlicht zu lange für den Massenmarkt.
Leichter zu bedienen sind da die VR-Endgeräte, die mit Videospielekonsolen oder dem PC arbeiten, allerdings sind diese auch deutlich teurer.

Wir von der Digitalen Agentur der Evangelischen Medienarbeit haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit VR und dessen potenziellen Nutzen für kirchliche Arbeit auseinandergesetzt. Dabei sind uns neben den Grenzen (Handhabbarkeit und Verbreitung) aber auch einige Chancen in diesem Bereich aufgefallen.

 

Kirchführungen und Gottesdienste in VR?

Wenn man in den VR-Stores der jeweiligen Anbieter nach „church“ sucht, findet man einige VR-Videos die Kirchführungen (meist ohne Audio!). Ein solches Video ist ein wirklich eindrucksvolles erstes Kennenlernen des Raumes. Hier sind aber die Videos mit Audio deutlich zielgruppenorientierter, da diese auch über das Visuelle hinaus einen Mehrwert haben. Alleine für visuelle Eindrücke wird ein solches Video im Massemarkt VR m.E. untergehen. Mit einer guten akustischen Erläuterung zu dem Kirchgebäude, kann ein simples 360°-Foto schnell in eine außergewöhnliche VR-Kirchführung verwandelt werden.  Deutlich besser wäre freilich eine echte VR-Experience – also ein interaktives Video mit mehreren Spots in der Kirche die ich anklicken kann (Beispiel Hauptschiff; Turm; Altarraum; Krypta).
Als Beispiel, wie so etwas aussehen kann, sei die App „Anne Frank“ erwähnt. Dies ist eine interaktive Führung durch das Anne Frank-Haus mit Lesungen aus dem Tagebuch.

Unter dem Suchbegriff „Kirche“, habe ich lediglich eine Kirche gefunden…(wie beschrieben ein statisches 360°-Panorama Foto ohne Audio) – immerhin!
Hier geht in jedem Fall noch einiges!

Auch Gottesdienste in VR sind nicht nur denkbar, sondern werden bereits in einer Form in VR gefeiert. Hier gäbe es theoretisch die Möglichkeit eines Livestreams mit einer 360° Kamera, so dass man von zuhause aus in einer statischen Perspektive mitfeiern kann. Interessanterweise habe ich nach intensivem Suchen einen solchen Gottesdienst nicht finden können.
Stattdessen gibt es einen Gottesdienst in einer eigens 3D animierten Kirche in dem VR-Social Hub „Altspace“. Hier finden wöchentlich Gottesdienste mit einem US-Pastor statt. Die internationale Gemeinde scheint dabei recht konstant, wenn auch zahlenmäßig überschaubar zu sein. Die Services haben eine eigene „Liturgie“ aus ca 30 Minuten Worship-Musik, Gebet, Predigt, Gebet und Segen (zusammen ca 1-1.5 Std). Interaktion ist hier trotz des Nutzbaren Bewegungsraumes nicht ausgeprägter als in Sonntagsgottesdiensten der hannoverschen Landeskirche, tendenziell sogar weniger, da die Musik auch zum Hören ohne Mitsingen einlädt
Der Church room wird ausschließlich in der Zeit der Events zugänglich gemacht.
Zu bemerken ist weiterhin, dass das „Altspace“ NutzerInnen nahezu ausschließlich auf Englisch kommunizieren, ein deutschsprachiges Equivalent existiert nicht und  eine deutschsprachige Community ist quantitativ bislang nicht wirklich messbar,

 

Zwischenfazit

VR-Videos bzw noch besser VR-Experiences können sehr gutes Mittel sein, diesen Markt ohne große Kosten zu nutzen und zu erproben. Dies ist sowohl auf Ebene der landeskirchlichen Öffentlichkeitsarbeit als auch auf Kirchengemeindeebene mit ein wenig Affinität zu diesem Thema verhältnismäßig leicht umsetzbar. Aufgrund der (noch) geringen Verbreitung von VR – besonders auf dem deutschen Markt, ist es sicherlich sinnvoll, erst anhand der Zugriffszahlen eines „Pilotprojektes“, weitere Schritte planen.

Gottesdienste in VR finde ich als Pastor sowohl vom Verkündigungsauftrag als auch von meinem privaten Interesse in diesem Bereich außerordentlich spannend (übrigens sowohl aus Gemeindesicht als auch als Liturg). Allerdings halte ich eine institutionalisierte, regelmäßige Form als Initiative einer deutschsprachigen Landeskirche allein für viel zu klein angelegt. Wenn, dann müsste ein solches Projekt eher EKD-weit geplant, beworben und begleitet werden.
Diese Einschätzung kann nur eine Momentaufnahme sein, da der VR-Sektor sich aktuell schnell entwickelt und auch Branchenprofils und Analysten sich teils sehr widersprechen, wohin sich VR entwickeln wird und ob es ein Nischenprodukt bleibt oder nicht.

 

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