Ein Interview mit Pfarrerin Stefanie Hoffmann

Frau Hoffmann, wie ordnen Sie #digitalekirche ein? Werden die Bänke sonntags noch leerer, weil die Menschen digitale Angebote bekommen? Oder führt #digitalekirche am Ende sogar neue Interessenten in den Gemeindegottesdienst?
Ich glaube weder das eine noch das andere ist ein Automatismus. Wenn wir es schaffen, Menschen mit unserer Botschaft zu erreichen und existentielle Antworten auf die Fragen des Lebens und Glaubens zu geben, dann wächst unsere Relevanz für jede*n Einzeln*e. Dann führt den Einen ein toller Post nach Jahren mal wieder in die Kirche – und die Andere merkt, dass sie nicht nur sonntags im Gottesdienst eine frohe Botschaft hören kann, sondern auch im Internet.

Was ist für Sie die Kernfrage bei #digitalekirche?
Das ist ein ganzes Paket, das viele Arbeitsbereiche umfasst. Die erste Frage sollte vielleicht sein: Was meinen wir eigentlich mit #digitalekirche?

Und wird die schon ausreichend bearbeitet?
Eine fiese Frage. Es geht immer mehr! Aber wenn die Antwort in etwa lautet:
„Eine digitale Kirche ist eine Kirche, die sich den Herausforderungen annimmt, die der gesellschaftliche Wandel durch die Digitalisierung bedeutet. Sie ist sprachfähig zu den dadurch entstehenden ethischen Fragestellungen. Sie geht neue Wege in der Verwaltung, kommuniziert durch vielfältige Medien und denkt Gemeinde und kirchliches Leben vor den Hintergrund der neuen Möglichkeiten.“ dann sind wir in allen Bereichen zumindest unterwegs.

Es werden ja immer neue Ansprüche an die Kirchengemeinden gestellt: Die Musik im Gottesdienst soll top sein, der Kaffee danach in Barista-Qualität. Und die Pastorin soll tiefsinnig, allgemeinverständlich und begeisternd predigen. Jetzt auch noch Digitalisierung. Ist das vielleicht zu viel verlangt?
Es geht doch in allen Bereichen immer auch um Tun und Lassen. Und im besten Fall treffen wir bewusste Entscheidungen, was wir tun und was wir lassen, stets mit Blick darauf, was für unseren Auftrag wichtig ist. Das gilt nicht nur für die Digitalisierung sondern für jeden Bereich. Es ist schlichtweg das semper reformanda, auf das wir uns in der Reformation eingelassen haben. Eben als Kirche nicht stehen zu bleiben, sondern uns mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln. Stets mit Blick auf unsere Tradition und Wurzeln, aber ohne in einen blinden Traditionalismus zu verfallen. Das ist nicht immer der bequemste Weg – aber das hat weder Jesus noch Paulus uns je versprochen.

Was wären denn für Sie die wichtigsten Punkte zur Digitalisierung, die im Jahr 2020 jede Gemeinde bieten muss? Oder ist 2020 schon zu spät?
2020 ist tatsächlich umgekehrt sehr schnell für kirchliche Kontexte. Einzelne Gemeinden sind sehr unterschiedlich aufgestellt, was die Nutzung digitaler Medien und Produkte angeht. Einen Standard für in zwei Jahren fest zu legen halte ich da für den falschen Weg. Und das Schöne an digitalen Angeboten ist ja, dass vieles ortsunabhängig genutzt werden kann. Es muss sich also nicht jede Kirchengemeinde digital neu erfinden.

Aber?
Ein paar konkrete Dinge gibt es, die wir in naher Zukunft angehen sollten:
Für die Verwaltung und Kommunikation sollten wir anstreben, in Zukunft einheitliche digitale Lösungen zu finden, so wie es im Mitgliedermanagement mit Kira ja bereits passiert ist. Das erspart Missverständnisse und Zeit, durch unnötige Vorgänge, die zur Zeit mitunter doppelt und dreifach laufen.

Sie sagten „ein paar Dinge“.
Und dann würde ich mir wünschen, dass wir an unserer Haltung arbeiten. Jede Gemeinde darf natürlich für sich entscheiden, auf welche Weise sie in die Öffentlichkeit wirkt. Das bedeutet, dass die eine Gemeinde entscheidet, auf Social Media präsent zu sein, eine andere, einen Gemeindebrief zu verschicken und eine dritte macht es noch anders. All das ist gleichwertig – aber alles ist eine Entscheidung für und gegen eine Zielgruppe. Diese muss bewusst getroffen werden im Bewusstsein dazu, dass wir uns tatsächlich überfordern, wenn wir alles gleichermaßen wollen und im Vertrauen darauf, dass andere Gemeinden andere Entscheidungen treffen. Und wir dürfen lernen, Aufgaben, Wissen und Verantwortung zu teilen – übrigens ein Punkt, der durch digitale Medien viel einfacher geworden ist. Und auch theologisch steht uns das gut, zu wissen, dass der Leib Christi viele Glieder hat und braucht.

Stefanie Hoffmann (https://twitter.com/pfarr_mensch) ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) für Kirche im digitalen Raum. Sie wird am Medientag der Landeskirche in Hannover teilnehmen (https://digitale-kirche.info/medientag). Das Interview führte Dirk Altwig.
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