Herr Sterzik, wenn über „Digitale Kirche“ gesprochen wird, ist immer wieder die Rede davon, Menschen würden googlen, wo sie den nächsten Gottesdienst besuchen könnten. Solche Suchanfragen gibt es nicht wirklich, oder?

Doch, das gibt’s. Die Anzahl der Suchen nach „Gottesdienst“ hat sich bei Google in den vergangenen 15 Jahren vervierfacht. Da ist es dann auch wichtig, ein gutes Ergebnis zu liefern. Im Mittelalter haben wir hohe Kirchtürme gebaut, um leicht auffindbar zu sein, heute müssen wir die nötigen Daten fürs Internet liefern.

Und funktioniert es?

Testen wir mal. Ich frage hier in Hannover einen digitalen Assistenten nach evangelischen Kirchen in der Nähe und finde unter den ersten fünf Ergebnissen neben evangelischen Kirchen auch eine Gemeinde, die m.E. ganz und gar nicht zur evangelischen Kirche gehört.

Interessantes Beispiel. Und wenn jetzt als Ergebnis eine evangelische Kirchengemeinde herauskommt, die gar nicht zuständig ist, weil Sie woanders wohnen?

Unsere Gemeindeformen sind flexibler und profilierter geworden. Wir sind bunter und vielfältiger geworden, weil auch die Gesellschaft vielfältiger geworden ist. Da muss uns doch lieber sein, dass die Leute vielleicht in die Nachbarkirchengemeinde gehen, statt gar nicht. Wenn die Kirchenmitgliedschaft heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist, ist es doch umso wichtiger, Gemeinden im Internet zu finden. Das wollen wir leichter machen.

Wie?

Kürzlich startete ein Pilotprojekt mit der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Wir im Pilotprojekt wollen wichtige Daten von zunächst rund 1.000 Kirchengemeinden besser auffindbar machen, bei Google und auch bei Sprachassistenten wie Alexa. Es geht um ganz schlichte, aber wesentliche Informationen: Adresse, Telefonnummer, Öffnungszeiten des Büros oder Ansprechpartner. Ein Beispiel: Ich habe mich neulich von Google-Maps zu einer kirchlichen Einrichtung führen lassen – und bin vor einer Wand in der Parallelstraße gelandet. Nicht optimal.

Wie aufwendig ist das für die Gemeinden?

Wir nutzen hier die Erfahrungen eines gut vernetzten Dienstleisters. Daten, die es bei der EKiR zentral gibt, werden von dort zur Verfügung gestellt. Die Kirchengemeinden pflegen eine zentrale Termindatenbank, die heute schon dafür sorgt, dass Gottesdienstzeiten in Zeitungen abgedruckt werden. Diese Daten werden genutzt, damit Gemeinden mit wenig Aufwand besser gefunden werden.

Richtig gut auffindbar sein, fordert Einsatz. Was haben die Generation vor uns hierfür geastet und schwere Steine Kirchturmbaustellen hochgeschleppt. Online richtig gut auffindbar werden geht so viel leichter und bequem am Schreibtisch.

Sie nennen als Vorbild die Kirche von England.

Ja, da kommt noch ein weiterer Ansatz dazu, den wir auch nutzen wollen.  Bei den Weihnachtsgottesdiensten hat sich in Großbritannien gezeigt, dass viele junge Leute im Internet nach etwas suchen, dass zu ihnen passt. Da gibt es www.achurchnearyou.com. Über 100 Suchkriterien können eingestellt werden, etwa Barrierefreiheit, Parkplatz oder Kaffee nach dem Gottesdienst. Wir arbeiten am Grundstock für ein solches System mit dem Titel „Kirche bei Dir“.

Warum brauchen Sie das neben der Optimierung von Daten für Suchmaschinen?

Das ist wichtig als Ergänzung zu Google. Wer weiß, ob Google nicht irgendwann Geld kostet? Außerdem möchte nicht jeder bei Google suchen, um seine Daten nicht zu hinterlassen. Auf unserer eigenen Seite können wir Datenschutz und Werbung nach unseren Werten gestalten.

Sie werden vermutlich nicht mit 100 Auswahlmöglichkeiten für Gottesdienste starten?

Nein, in England hat es rund neun Jahre gedauert, so weit zu kommen. Wir wollen 2020 an den Start gehen und wenige Auswahlkriterien anbieten und nach und nach ergänzen. Diese ausbaufähige Grundplattform soll so interessant sein, dass die Landeskirchen mitmachen wollen.

Herr Sterzik, die EKD-Synode hat im vergangenen November eine Million Euro für einen Innovationsfonds bereitgestellt. Wie kommen Interessenten an das Geld?

Wir arbeiten gerade an den Förderrichtlinien, ab dem Sommer soll es möglich sein, Anträge zu stellen. Wir wollen da einen Prozess finden, bei dem nicht Berge von Papier nötig sind. Wer kleine Summen beantragt, soll das einfacher tun können, als wenn es um die Höchstförderung von 100.000 Euro geht. Wir möchten vor allem viele kleine Projekte fördern, damit mehr Ideen ausprobiert werden können.

Haben Sie das Ziel, da besonders innovative Projekte zu unterstützen?

Solange 950 von 1000 Kirchengemeinden die Daten für Suchende nicht vollständig und korrekt auf Google haben, wollen wir nicht über selbstfahrende Busse zum Gottesdienst nachdenken. Wir wollen Angebote fördern, die helfen, mit der Kirche in Kontakt zu kommen, damit Menschen die froh machende Botschaft Gottes erreicht. Wir wollen zum Beispiel Socialmedia-Projekte von Kirchengemeinden fördern. Sei es eine gezielte Facebook-Werbung oder ein YouTube Projekt. Es gibt da viele engagierte Menschen, die mit hohem Einsatz dabei sind, da kann mit wenig Geld viel passieren. Wenn wir vielleicht 50 fördern, dann werden da am Ende auch ein paar richtig gut werden. Wer Neues ausprobieren will, muss akzeptieren, dass da auch Versuche scheitern können. Abgesehen davon: Wir verfolgen natürlich, ob es anderswo auf der Welt Innovationen gibt, von denen wir profitieren können.

Haben Sie vielleicht ein interessantes Beispiel für das Engagement einer Gemeinde?

Zum Beispiel https://jesustreff.dein Stuttgart, die haben eine eigene App, natürlich mit Veranstaltungen, einem schwarzen Brett, auf dem auch Wohnungen gesucht werden, es gibt aber auch einen komplett geschützten Chatbereich. Die Grundlagen für solche Apps können wir bei der EKD gemeinsam mit Partnern verbessern, damit interessierte Gemeinden leichter solche Apps bekommen können.

Wie grenzen Sie das ab? Was ist sinnvoll, zentral von der EKD anzubieten, was ist sinnvoller von den Landeskirchen?

Man muss immer gucken, wer was gut machen kann. Es ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, zum Beispiel 20 verschiedene Plattformen für die Suche nach Gottesdiensten zu entwickeln. Oder beim Beispiel für die Gemeinde-App: Datenschutz ist da eine hohe Hürde, die sollten wir für alle klären.

Geben Sie uns doch einen Ausblick, was haben Sie 2019 und 2020 noch vor?

Wir fangen zum Beispiel an, ein Netzwerk für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schaffen, die sich mit der „Theologie des digitalen Wandels“ befassen. Außerdem erfassen wir, was es für digitale Projekte in den Landeskirchen bereits gibt. Wir sind jetzt bei einer Zahl von 498 und die ist nicht vollständig. Wir wollen wissen: Was gibt es? Wo sind Lücken? Was brauchen wir noch?

Sie haben ja auch zwei Stellen bekommen, eine mit dem Schwerpunkt Ethik, eine mit dem Schwerpunkt Technik. Sind die schon besetzt? Was wird die Aufgabe sein?

Wir haben einige Bewerbungsgespräch in den nächsten Wochen und hoffen noch dieses Jahr komplett zu sein. Bei der Technik wird es zum Beispiel auch darum gehen, die Verwaltung schneller, leistungsfähiger und kundenfreundlicher zu machen. Nehmen wir das Beispiel Dimissoriale. Amazon liefert heute in wenigen Tagen eine Couch nach Hause, aber ein Blatt Papier muss manchmal noch selbst abgeholt werden. Das ist schwierig. Die Fragen im Bereich Ethik reichen natürlich sehr weit. Lassen Sie mich nur zwei mögliche Fragen nennen: Wenn ich eine Synode im Livestream übertrage, ist es dann besser, den billigeren Anbieter zu nehmen, oder den, der am wenigsten Daten von den Nutzern haben will? Oder: Wenn ein Organist fehlt, ist es richtig, dann eine automatische Orgel zu verwenden, die vielleicht sogar besser spielt als ein Mensch oder sollte dann auf das Instrument verzichtet werden?

Christian Sterzig ist Leiter der Stabsstelle Digitalisierung, “Kirche im digitalen Wandel (#KidW)” der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Tel: +49 511 2796 8401 Internet: http://www.ekd.de Email: christian.sterzik@ekd.de

Beitragsbild: epd-bild/Jens Schulze

 

Pin It on Pinterest

Share This